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01.01.2017Netzrückkauf

Das Desaster von Moorburg


Kohlekraftwerk Moorburg / © Vattenfall
Dass es durchaus möglich ist, Umweltpolitik bis ins letzte Detail ad absurdum zu führen, lässt sich seit einigen Jahren in Hamburg beobachten. Der filmreife Thriller um das Vattenfall-Kohlekraftwerk in Moorburg wurde bereits von mehreren Senaten und Umweltsenator(inn)en fortgeschrieben. Und ein für die Hamburgerinnen und Hamburger glimpfliches Ende ist noch immer nicht in Sicht.

Doch beginnen wir von vorne.

September 2008: Die damalige Hamburger Umweltsenatorin Anja Hajduk (Grüne) genehmigte, wenn auch widerwillig, den Bau des größten und modernsten Kohlekraftwerks der Bundesrepublik. Ziel war es, das alte Kohlekraftwerk am Standort Wedel, welches das größte Hamburger Fernwärmenetz beheizt und sich dem Ende seiner Lebensdauer nähert, durch ein neues Kraftwerk in Moorburg zu ersetzen.

Von Anfang an mussten Politik und Vattenfall bei der Realisierung dieses neuen Kraftwerks jedoch gegen erhebliche Widerstände kämpfen. Eine Trasse unter der Elbe beispielsweise, die die in Moorburg produzierte Wärme aus dem Süden der Stadt zum Fernwärmenetz nördlich der Elbe bringen sollte, wurde aufgrund heftiger Proteste nie gebaut. Das Argument: "Schmutzige" Energie, gewonnen aus Steinkohle, sollte die Hamburger Fernwärmeversorgung nicht für die nächsten Jahrzehnte prägen. Und um ganz sicher zu gehen, dass eine solche Trasse auch niemals kommt und das von Vattenfall betriebene Kohlekraftwerk auch in Zukunft nicht das Fernwärmenetz speisen wird, initiierte eine Allianz, bestehend unter anderem aus der Umweltorganisation BUND, der evangelischen Kirche und der Verbraucherschutzzentrale, im Januar 2011 einen Volksentscheid, der es zum Ziel hatte, die Hamburger Energienetze (Gas, Strom und Fernwärme) wieder unter städtische Kontrolle zu bringen.

Im September 2013 schließlich entschied sich eine hauchdünne Mehrheit der Hamburgerinnen und Hamburger für den Rückkauf. Hierfür wurden Kosten von bis zu 2 Mrd. Euro veranschlagt. Und auch wenn sich Olaf Scholz' SPD nie für einen Netzrückkauf eingesetzt hatte, setzte der Senat alles daran, den Volksentscheid umzusetzen.

Der Rückkauf des Strom- und des Gasnetzes wurde zügig abgewickelt, wodurch der Fokus relativ schnell auf die zukünftige Gestaltung der städtischen Fernwärmeversorgung geriet. Denn eines war klar: Aufgrund der gesetzlichen Restriktionen, denen alle Netzbetreiber in der Bundesrepublik unterliegen, lässt sich mit Strom- und Gasnetz denkbar wenig Umweltpolitik gestalten. Anders hingegen sieht es beim Fernwärmenetz aus: Da es sich hierbei um ein geschlossenes System handelt, sich der Energieerzeuger, die Rohrleitungen und der Kundenstamm in einer Hand befinden, kann aktiv sehr viel mehr gesteuert werden.

Nun galt es also zunächst, zügig Ersatz für das alte abgängige Kohlekraftwerk Wedel zu finden; die Hamburger würden frieren müssen, wenn nicht rechtzeitig ressourcenschonende Alternativen gefunden würden.

Jedoch: Mehr als zwei Jahre und einige Gutachten später stellte sich heraus, dass dies nicht so einfach werden würde wie ursprünglich angenommen. Das Kraftwerk Wedel, welches mitunter bereits Asche auf die Anwohner regnen lässt, muss also - um die ganz große Lösung vorzubereiten - länger für die Speisung des Fernwärmenetzes am Laufen gehalten werden. Statt bis 2019 mindestens bis 2021. Hierfür werden die Stadt und Vattenfall gemeinsam rund 84 Mio. Euro an Ertüchtigungskosten aufbringen müssen.

Aber es bleibt dabei: Stand jetzt soll das Fernwärmenetz zukünftig nahezu komplett durch Wärme aus erneuerbaren Energien gespeist werden. Alle möglichen Bezugsquellen gelangen somit in die engere Auswahl: industrielle Abwärme, Abwärme aus Müllverbrennung, Wärmepumpen in der Elbe, Grundwasserspeicher, Solarthermie und noch einige mehr. Das Problem hierbei: Keine dieser Quellen ist für sich alleine dafür geeignet, zuverlässig die benötigte Grundenergie für das Fernwärmenetz bereitzustellen.

Anschaulich erlebbar wird in diesem Ringen um die beste Lösung nicht nur die Kunst der Umgehung der Nutzung der sowieso vorhandenen Moorburger Energie, sondern auch die Verrenkungen, derer es bedarf, um aus "schmutziger" Energie aus Steinkohle "saubere erneuerbare" Energie zu machen.

Ein Beispiel: Die große Hamburger Kupferhütte Aurubis bezieht große Mengen ihrer benötigten Energie zur Herstellung von hochreinem Kupfer aus dem nahegelegenen Moorburger Kraftwerk. Bei Aurubis fallen ca. 60 Megawatt Abwärme pro Jahr an, die potentiell das Fernwärmenetz heizen könnten - und plötzlich als erneuerbar und sauber gelten. Diese Aurubis-Wärme ist für die Planer eine sehr begehrte Quelle. Dass diese Wärme aber ihren Ursprung im Kohlekraftwerk von Vattenfall hat, interessiert die sogenannten Umweltschützer an dieser Stelle plötzlich nicht mehr.

Ein weiteres Beispiel: aufgrund einer bestehenden wasserrechtlichen Genehmigung am alten Wedeler Kraftwerk, ist von einem Gutachter tatsächlich die Möglichkeit einer Wärmepumpe im Elbestrom ins Spiel gebracht worden. Stromaufwärts liegt das besagte Kraftwerk Moorburg und leitet Teile der überschüssigen Wärme, die es nicht in das Hamburger Fernwärmenetz loswerden darf, in die Elbe ein. Ein Teilnehmer der Sitzung des Energienetzbeirates, ein demokratisch gewähltes Gremium aus Parteivertretern, Fachleuten, Umwelt- und Wirtschaftsexperten, stellte treffenderweise fest, dass dies auch eine Methode sei, die ursprünglich geplante Trasse unter der Elbe zu umgehen und somit aus Moorburg-Energie erneuerbare Energie zu machen.

Ein weiteres Problem: Das Fernwärmenetz liegt nördlich der Elbe, große Potentiale erneuerbarer Energiequellen jedoch südlich. Und schon ist sie doch wieder im Gespräch: die Trasse. Angeregt vom grünen Umweltsenator Jens Kerstan höchstpersönlich.

Der Kreis schließt sich.

8 Jahre nach der Entscheidung für eine neue Bespeisung des Hamburger Fernwärmenetzes ist sehr viel Geld ausgegeben worden für den Kauf von Energieunternehmen, für unzählige Gutachten, für demokratische Bürgerbeteiligung, für runde Tische und parlamentarische Sondersitzungen, für kluge Ideen und Planungen sowie Fehlplanungen. Und wo stehen wir heute?

Immer noch dort, wo wir 2008 standen, denn eine Lösung für den Energiebezug des Hamburger Fernwärmenetzes wurde noch immer nicht gefunden. Stattdessen wird, getrieben von blinder Ideologie, sowieso produzierte "schmutzige" Fernwärme einfach in die Elbe geleitet.

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