BdSt - ''Kostenüberschreitungen beenden in der Schweiz normalerweise politische Karrieren''


01.12.2016Interview mit Jürgen Lauber

''Kostenüberschreitungen beenden in der Schweiz normalerweise politische Karrieren''


Jürgen Lauber, Bauexperte aus der Schweiz
Aufgrund der enormen Kostensteigerungen beim Bau der Elbphilharmonie, des Berliner Flughafens oder auch Stuttgart 21, diskutiert Deutschland seit Jahren darüber, wie sich solches Missmanagement zukünftig verhindern lässt. Helfen könnte hierbei ein Blick in die Schweiz.

Wir haben den Bauexperten Jürgen Lauber, der mit seinem Buch "BauUnwesen - Warum geht Bauen in Deutschland schief?" für viel Aufsehen in der deutschen Baubranche gesorgt hat, auf ein Interview getroffen.

Herr Lauber, Sie gelten als gefragter Ansprechpartner, wenn es um Kostenexplosionen bei öffentlichen Bauprojekten geht. Was hat Sie eigentlich dazu veranlasst, sich mit dem Bauunwesen in Deutschland auseinanderzusetzen?

Lauber: Ein hoher Beamter der öffentlichen Bauverwaltung des Musterländles Baden-Württemberg, der massiv unter der verfahrenen und hoffnungslosen Situation des öffentlichen Baus litt, kontaktierte mich eines Tages. Er motivierte mich dazu, mein damals für 2014 geplantes Sabbatical Jahr dem Engagement für eine bessere Baukultur zu widmen.

Die Hamburger Elbphilharmonie wird im Januar offiziell eröffnet. Was hat aus Ihrer Sicht zu der Kostenexplosion und zur Bauzeitverlängerung geführt?

Lauber: Die Gründe für Kostenexplosionen und Bauzeitverlängerungen bei öffentlichen Bauprojekten sind detailliert in den jährlichen Berichten der Rechnungshöfe der Länder und des Bundes nachzulesen. Die grundlegenden Bau- und Haushaltsvorschriften werden oft nicht eingehalten. Das ist in Deutschland systembedingt straf- und folgenlos. Konkret gesprochen wird das Bauziel oft nur teilweise definiert und damit die Kosten bewusst zu tief kalkuliert. Anschließend wird das Bauziel ständig verändert und erweitert. Das Gebäude wird dadurch überteuert. Genau das war auch beim Bau der Elbphilharmonie der Fall.

Wie kann es sein, dass es bei privaten Bauprojekten seltener zu Kostenexplosionen kommt?

Lauber: Stellen Sie sich vor, Sie geben vor, ein Einfamilienhaus bauen zu wollen und lassen für den Bankkredit die Kosten ohne Innenwände, Heizkörper und Küche berechnen. Wenn das Fundament Ihres Hauses gelegt ist, weisen Sie den Architekten zusätzlich noch an, doppelt so viel Wohnfläche und zwei Garagen mehr zu schaffen. Wenn Sie dann zur Bank gehen, weil Sie plötzlich viel mehr Geld benötigen, wird diese von einer Täuschung und nicht von einer Kostenexplosion sprechen. Die Bauaufsicht wird Sie anschließend des Schwarzbaus bezichtigen und einen Baustopp verfügen. Einem regierenden Politiker als Bauherren kann das nicht passieren. Der ist ja auch Chef der Aufsichtsbehörde.

Sind bei den Kostenexplosionen von Elbphilharmonie, BER und Stuttgart 21 Parallelen zu erkennen oder wurden bei jedem dieser Projekte unterschiedliche Fehler gemacht?

Lauber: Die Kostenexplosionen sind ja eigentlich Kostenmanipulationen beim Budgetieren. Das wird bei öffentlichen Projekten jeder Größenordnung gemacht. Mit Unehrlichkeit des politischen Bauherren beginnt das Übel bei Bauprojekten meist. Das Ganze ist leider auch Teil der deutschen Staatskultur geworden. Elbphilharmonie, BER und Stuttgart 21 sind da nur die bekanntesten Vertreter.

Sind Kostenexplosionen bei Großprojekten ein speziell deutsches Problem?

Lauber: Im Prinzip nicht. Es kommt immer und überall zu sogenannten Kostenexplosionen, wenn ein Bauherr ohne verbindlichen Plan und hohe Ambitionen einfach mal drauf los baut. In Deutschland ist das eben nur Teil der öffentlichen Baukultur, weil es legal und völlig folgenlos ist. Der deutsche Staat hat eine bodenlose Steuerkasse und kann sich das leisten. Andere Staaten haben einfach nicht die Mittel, so oft und so flächendeckend ineffizient zu bauen.

Was sind Ihre Lösungsvorschläge, um Kostenexplosionen zukünftig zu verhindern?

Lauber: Den bestehenden Bau- und Haushaltsvorschriften muss man durch drohende Sanktionen Wirkung verschaffen. Das heißt, dass geltendes Recht auch durchgesetzt werden muss. Als zusätzliche Sicherung braucht es eine Pflicht zur Transparenz aller Daten und Kosten bei öffentlichen Bauprojekten - von der Ausschreibung über die Vergabe bis zur Schlussrechnung. Nur so kann die Presse ihre für die Demokratie wichtige Wirkung entfalten.

Sie leben in der Schweiz. Gibt es auch dort Großprojekte, deren Kosten explodieren?

Lauber: Auch dort gibt es schon mal Konstellationen, in denen politische Bauherren die Kosten nach unten manipulieren und beim Bauen das Bauziel verändern und erweitern. Aber das ist die Ausnahme. Kostenüberschreitungen beenden normalerweise politische Karrieren. Die Baukultur in der Schweiz und damit die Erwartung beim Volk ist, dass das Budget um maximal fünf Prozent überschritten werden darf.

Das klingt danach, als hätte die Schweiz den besseren Weg für kostenstabiles Bauen beschritten.

Lauber: In der Schweiz ist es kaum möglich, ohne klares und komplett kalkuliertes Bauziel los zu bauen. Das Volk gibt das Budget für die Planung und anschließend für die Ausführung frei. Alles ist transparent. Wer das Volk oder das Parlament anlügt, macht sich strafbar. In Deutschland ist das faktisch nicht strafbar, da nach deutscher Rechtsauffassung ja kein Schaden entsteht, wenn ein Bauwerk zehnfach teurer wird. Da in der Schweiz mit klarem und transparentem Bauziel gebaut wird, gibt es auch viel weniger Streit. Der Schweizer Bund kommt bei 40 Milliarden Euro Bauprojektvolumen mit 10 Anwälten aus. Baufachanwälte braucht es in der Schweiz keine. In Deutschland bedarf es bei einem Bauvolumen von 300 Milliarden Euro mehr als 2600 Baufachanwälte.

Haben Sie mit Ihrem Engagement bereits etwas erreicht? Stellen Sie fest, dass in Deutschland ein Umdenken stattfindet?

Lauber: Das Umdenken ist im Gange. Mein Engagement wird inzwischen von den wesentlichen Interessengruppen und auch Parteien geschätzt. Selbst das Bundesamt für Bauforschung in Bonn und das Bundesamt für Bauwesen in Berlin haben Anfang des Jahres je ein BauUnwesen-Buch per Fax für die hauseigene Fachbibliothek bestellt. Leider hat es beim ordnungspolitischen staatlichen Rahmen für das Bauwesen noch keine positive Änderung gegeben. Es werden immer noch neue Gesetze verabschiedet und Verordnungen erlassen, welche das Bauen immer teurer, risikoreicher und die Bauwerke schlechter haltbar machen. Im Wahljahr 2017 erwarte ich den Kurswechsel auf Ebene der Regierung und des Parlaments. Zusammen mit vielen Interessengruppen möchten wir mit Kampagnen und einem neuen Buch das Bauen wertvoller machen und dadurch auch den Wohlstand in Deutschland fördern.

Herr Lauber, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview wurde geführt von Christoph Metzner, Pressesprecher des Hamburger Landesverbandes.
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