BdSt - ''Ich brauche nicht mehr Geld, sondern die Freiheit, das vorhandene Geld klüger ausgeben zu können''

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01.07.2018Interview mit Falko Droßmann

''Ich brauche nicht mehr Geld, sondern die Freiheit, das vorhandene Geld klüger ausgeben zu können''


Falko Droßmann, Bezirksamtsleiter in Hamburg-Mitte / © Stefan Graef
Hamburg-Mitte gilt als der vielfältigste unter den sieben städtischen Bezirken. Er reicht von St. Pauli bis Billstedt und von Hamm bis Finkenwerder. In diesem herausfordernden Umfeld ist seit nunmehr zweieinhalb Jahren der Oberstleutnant und SPD-Sozialexperte Falko Droßmann Bezirksamtsleiter und somit Chef von rund 1.600 Mitarbeitern - die mit dem Ortswechsel vom Klosterwall in die Caffamacherreihe gerade erst den größten Hamburger Umzug der vergangenen Jahre hingelegt haben. Wir haben Falko Droßmann auf ein Interview getroffen.

Herr Droßmann, schauen Sie eigentlich manchmal etwas neidisch auf Ihre sechs Kollegen in den anderen Bezirksämtern, die wahrscheinlich keine so großen Herausforderungen zu bewältigen haben wie Sie in Hamburg-Mitte?

Droßmann: Nein. Jeder Bezirk hat seine eigenen Herausforderungen und Besonderheiten.

Worin besteht die größte Herausforderung im Bezirk Mitte?

Droßmann: Wir sind nicht der bevölkerungsreichste oder der flächenmäßig größte Bezirk, dafür aber der mit Abstand vielfältigste - und ärmste. Bei den unter Achtzehnjährigen haben wir eine Migrationsquote von 72,8 Prozent. Unter anderem dadurch haben wir natürlich ganz andere Herausforderungen zu bewältigen als zum Beispiel die Bezirke Eimsbüttel oder Bergedorf. Unter den Mitarbeitern der Bezirksämter gilt der Bezirk Mitte, zum Beispiel im Jugendamt, deshalb auch als Königsdisziplin.

Noch im vergangenen Jahr war in der Presse zu lesen, dass die Bürgerinnen und Bürger teilweise wochenlang auf einen Termin in den Kundenzentren der Bezirke warten mussten. Mittlerweile aber hat sich die Lage entspannt. Welche Maßnahmen haben Sie ergriffen?

Droßmann: Ein Beispiel: Im Einwohnermeldeamt hatten wir bislang 11 Mitarbeiter. Nun sind es 24. Wir waren übrigens auch das erste Hamburger Bezirksamt, das 60 Stunden wöchentlich geöffnet hat, nämlich montags bis freitags von 7 bis 19 Uhr. Auf der einen Seite muss ich vom Bürger erwarten können, dass er sich ab und an mal kümmert und in seinen Ausweis schaut, wie lange dieser noch gültig ist. Auf der anderen Seite müssen wir den Menschen dann aber auch mal kurzfristig einen Termin zur Verfügung stellen können.

Mussten Sie für diese Maßnahmen zur besseren Terminerlangung woanders den Rotstift ansetzen?

Droßmann: Ja, allerdings. Ich habe die Kundenzentren in Finkenwerder, in Wilhelmsburg und auf St. Pauli geschlossen. Für die betroffene Liegenschaft auf St. Pauli beispielsweise, die vor einigen Jahren von der Stadt verkauft wurde und in der wir seitdem nur noch Mieter waren, mussten wir jährlich mehr als 150.000 Euro an Miete zahlen. Und da unser neues Bezirksamt nur noch 1.900 Meter vom Standort auf St. Pauli entfernt ist, habe ich diese Entscheidung so getroffen.

Aber braucht es nicht gerade für eine älterwerdende Gesellschaft Lösungen, die die Fläche bedienen?

Droßmann: Die braucht es tatsächlich. Und so haben wir für Finkenwerder beispielsweise ein ganz spezielles Konzept entwickelt. Der Stadtteil liegt nämlich südlich der Elbe, weshalb man einen etwas mühsameren Weg hin zum Bezirksamt auf sich nehmen muss. Deshalb haben wir in Finkenwerder im alten Ortsamt zwei Räume zurückgemietet. Dort ist nun jeden Tag ein anderes Amt präsent. Den einen Tag ist ein mobiles Team des Kundenzentrums vor Ort, den anderen Tag beispielsweise der Verbraucherschutz und wieder an einem anderen Tag der Schularzt. Und so haben wir plötzlich die gesamte Bandbreite der öffentlichen Verwaltung wieder bei den Menschen vor der Haustür und geben dafür deutlich weniger Geld aus.

Und wie sieht die Lösung für die anderen Stadtteile aus?

Droßmann: Für diese haben wir mobile Teams ins Leben gerufen, die an verschiedenen Tagen an verschiedenen Orten zur Verfügung stehen. Sie richten sich dann vor Ort für einige Stunden in öffentlichen Gebäuden ein. Und ich prognostiziere, dass wir in Hamburg zukünftig immer weniger Kundenzentren haben werden, dafür aber mehr mobile Teams. Wir müssen unsere Dienstleistungen vor Ort anbieten.

Aber insbesondere aufgrund von Digitalisierungsprozessen erwartet sich die Politik von den Kundenzentren mittelfristig einen geringeren Bedarf an Personal.

Droßmann: Wir mussten diesbezüglich in der Vergangenheit Fehlentscheidungen von Leitungsebenen - auch von mir - erkennen. Denn dass man in den Kundenzentren bis vor einem Jahr noch wochenlang auf einen Termin warten musste, hatte auch ich zu verantworten. In der Regel war es so, dass Personal abgebaut wurde, noch bevor überhaupt die ersten Erfahrungen mit digitalisierten Prozessen gemacht werden konnten. Das kann aber nicht funktionieren. Denn auch digitale Prozesse müssen von Menschen überwacht werden, gerade, wenn es um Sicherheit geht.

Werden die Bezirke zukünftig mehr Geld benötigen, um ihren Aufgaben nachkommen zu können?

Droßmann: Ein ganz klares Nein. Ohne Mittelaufstockung wird es allerdings auch nur dann funktionieren, wenn die Politik den Bezirken mehr Budgetverantwortung lässt. Denn momentan passiert das genaue Gegenteil. Durch politische Beschlüsse oder eigene Politiken der Fachbehörden werden Festlegungen auf Mikroebene getroffen, die ein planbares Vorgehen im Bezirk immer schwerer machen. Deshalb fordere ich einfach nur, mir die Freiheit zu geben, mein Budget klüger ausgeben zu können. Dann brauche ich auch nicht mehr Geld. Die Verantwortung nehme ich gerne auf mich.

Aus der Politik kommt regelmäßig die Forderung, Behörden und Bezirke verstärkt unter betriebswirtschaftlichen Aspekten zu betrachten.

Droßmann: Dafür habe ich kein Verständnis. Ich sage Ihnen auch warum. Der Bezirk Mitte ist beispielsweise zuständig für die Seuchenprävention in ganz Hamburg. Wenn in der Stadt zum Beispiel die Tuberkulose ausbricht, kommt sofort meine Fachstelle im Gesundheitsamt mit speziell ausgebildeten Medizinerinnen und Medizinern und den entsprechend teuren Gerätschaften zum Einsatz. Das Vorhalten dieser Stelle kostet uns sehr viel Geld und ich hoffe, dass diese niemals zum Einsatz kommen wird. Aber würde ich sie unter betriebswirtschaftlichen Aspekten betrachten, müsste ich sie abschaffen. Aber hierbei handelt es sich um Daseinsvorsorge und Sicherheit. Und von solchen Stellen gibt es übrigens noch weitere. Deshalb entziehen sich Teile des Bezirksamtes rein betriebswirtschaftlichen Betrachtungen. Ich weiß, der Bund der Steuerzahler achtet besonders darauf, ob irgendwo Steuermittel verschwendet werden. Und deshalb sage ich auch, dass unser Handeln öffentlich gemacht und besser erklärt werden muss. Schließlich stehen viele Bürgerinnen und Bürger morgens am Fließband, damit wir hier im Bezirksamt arbeiten können - und wir leisten gute Arbeit. Wir sollten es nur häufiger auch öffentlich machen.

Herr Droßmann, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview wurde geführt von Sabine Glawe, haushaltspolitische Sprecherin des Hamburger Landesverbandes, und Christoph Metzner, Geschäftsführer.
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